Wer vom Parkplatz Windeck sich 150m bergab in Richtung Fuchstanz begibt, bemerkt am rechten Wegesrand vielleicht einen Gedenkstein, der für Toni Gölz errichtet wurde. Sein Verein, der Skiclub Bingen, hält auf diese Weise die Erinnerung an den dort am 20. Juni 1937 Verstorbenen wach. Doch welche Geschichte verbirgt sich hinter dieser Tafel?

Feldbergfest zurzeit des Nationalsozialismus

Dazu müssen wir uns in die NS-Vergangenheit des Feldbergfestes begeben. Ab 1934 missbrauchten die Nationalsozialisten das Feldbergfest für ihre ideologischen Ziele. So wurden die bisherigen turnerischen Disziplinen teilweise durch militärische ersetzt. Es fanden erstmals beim Feldbergfest 1934 Hindernisrennen und in späteren Jahren Degenfechten, Handgranatenweitwurf sowie ein zweistündiger Gepäckmarsch auch als Mannschaftskampf um das begehrte Völsungenhorn statt.

Für das 84. Feldbergfest 1937 rief der Feldbergfestturntag u.a. zur Teilnahme an einem Gepäckmarsch als Mannschaftswettkampf für NS-nahe Verbände auf. Zusammen mit den durch die Gleichschaltung 1933 in den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen übernommenen Mitglieder ehemaliger Sportvereine und den militärischen Sportverbänden fanden sich rund 2000 aktive Teilnehmer auf dem Gipfel des Taunus zum Wettkampf ein. Ein weiterer Zufall spielte den Veranstaltern zum Zwecke der Durchführung eine „Großveranstaltung“ in die Karten, denn die gleichzeitige Sonnenwende, die seit einigen Jahren Massen auf den Großen Feldberg lockte, steigerte mit ihrer politisch geprägten Sonnenwendfeier neben den 500 offiziell beorderten Gästen das Interesse vieler Menschen. Dazu war extra der Gauleiter des Landes Hessen-Nassau Jakob Sprenger als Hauptredner angereist. Dem Massenansturm war man logistisch wahrscheinlich kaum gewachsen, da das alte Feldberghaus im März abgerissen worden und wegen des Baus des neuen Fernsehsendeturms und des Terrassenanbaus am Feldberghof ein Teil des Plateaus Baustelle war und für den Sportbetrieb nicht zur Verfügung stand.

NSKK

Toni Gölz war Mitglied des Skiclubs Bingen, beteiligte sich aber auch an einem heimatnahen NSKK-Verband. Die Abkürzung NSKK stand für „Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps“, deren Mitglieder dieser paramilitärischen Organisation sich besonders aus am Motorsport interessierten jungen Männern rekrutierten, auch ohne dass eine politische Überzeugung vorgelegen haben muss. Vorwiegend Kfz-Meister und –handwerker fanden dort ihr meist auch ideologisches Betätigungsfeld, das sich mit der Bedienung, dem Transport und der Wartung von Motorrädern und Kraftfahrzeugen aller Art beschäftigte.

Gepäckmarsch als Wettkampf

Auch die NSKK-Gruppe, der Toni Gölz angehörte, war aufgerufen, sich als Mannschaft an einem Gepäckmarsch-Wettkampf auf den Großen Feldberg zu beteiligen. Das Angebot, mit einem Sonderzug zum Start gefahren zu werden, werden sie sicher nicht wahrgenommen haben, denn gerade sie verfügten sicher über ausreichend Transportfahrzeuge im eigenen Fuhrpark. Der Gepäckmarsch für Wehrkampfmannschaften startete am besagten 20. Juni 1937 um 8.00 Uhr mit dem Abmarsch auf dem Marktplatz Kronbergs. Auf dem Feldberg erwartete die Teilnehmer empfindlich kühles Wetter. Man kann sich gut vorstellen, mit welchen Anstrengungen die Bewältigung von 600 Höhenmetern in aller Eile und mit Zusatzgepäck für die einzelnen Teilnehmer verbunden gewesen sein muss, zumal der Ehrgeiz und die Konkurrenzsituation die Grenzen der Belastbarkeit schnell überschreiten half. Die Mannschaft des Reichsarbeitsdienstes traf bei diesem Wettkampf als erster auf dem Gipfel ein und errang den Sieg. Die Gruppe um Toni Gölz aber erwartete im Anstieg zum Gipfel eine tragische und unerwartete Überraschung, da Toni Gölz vermutlich wegen einer Überanstrengung an besagter Stelle einen Herzinfarkt erlitt und verstarb.

Gedenkstein

Der Schock saß tief bei den Vereinsmitgliedern des Skiclubs Bingen. Den Tod ihres Mitglieds betrauernd setzte man als Erinnerung an das tragische Ereignis einen Gedenkstein, der auch viele Informationen zu diesem Ereignis wiedergab. Den auf die unrühmliche Vergangenheit der NSKK-Mitgliedschaft ihres Mitglieds hinweisenden Teil meißelte man nach dem 2. Weltkrieg wieder heraus, sodass der heutige Gedenkstein zwar noch im Original erhalten ist, aber ein kleines Geheimnis bewahren hilft. Toni Gölz ist damit der bisher einzige Teilnehmer eines Feldbergfestes, der im Wettkampf ums Leben kam.

Quelle Text und Bilder: Karl Breitung

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