Die letzten Straßenmarkierungsarbeiten auf der neu sanierten Brunhildestraße in Niederreifenberg, der L3025 – nur eine der 191 Straßen in der Großgemeinde Schmitten, sind gerade abgeschlossen und die nervenden Sperrungen und Umleitungen sind vorüber. Nun also „Freie Fahrt wie früher!“. Wie früher?

Ursprung

Es ist noch keine 100 Jahre her, da existierte diese Straße noch nicht einmal. Die Lage des Ortes Niederreifenberg orientierte sich schon immer an dem Verlauf der Weil.

Der im Taleinschnitt verlaufende Bach – heute nicht mehr sichtbar verrohrt – zwang die Neuansiedler, im oberen Ortsteil ihre Häuser am vom Hochwasser sicheren erhöhten Ufer des Westhangs anzulegen. So dehnte sich die Gemeinde teilweise am Westufer der Weil entlang aus, wie es heute noch durch den Verlauf der Hauptstraße nachzuvollziehen ist. Die Keimzelle lag in der unteren Hauptstraße, weil sich dort die Brücke über die Weil befand, die man heute unbemerkt dort überquert.

So schlängelte sich der Verkehr vom Ortseingang am oberen Ende der Hauptstraße innerorts bis zur damals noch spärlich bebauten Schmittener Straße, wo sich die Bebauung auf der Ostseite fortsetzte. Auch als der deutsche Kaiser Wilhelm II am 17.9.1905 gegen 2 Uhr mit 4 Automobilen durch den Ort fuhr, musste er die enge Dorfstraße passieren. Am 12.5.1908 erging es ihm nicht besser.

Probleme

Die einsetzende Industrialisierung Niederreifenbergs forderte Platz für Firmen, die Fertigungsstätten und Lagerkapazitäten benötigten. So bewegte sich das neue Fabrikgebäude der Firma Eckermann 1895 in seiner Ausdehnung bereits in die Richtung der heutigen Brunhildestraße ebenso wie das Gelände der Firma Herr seit 1907. Das erste öffentliche Gebäude auf der anderen Bachseite war die neue Schule von Niederreifenberg, das heutige alte Schulgebäude aus Sandstein, das aus Platzgründen 1912 dort einen weiteren Standort fand. Nirgendwo existierte ein offizieller Zugang von der späteren Brunhildestraße aus. Schlauer war Lehrer Abel, der wohlwissend um die Straßenarbeiten sich dies zu Nutze machte und sein Haus als erstes Wohngebäude direkt am neuen Straßenverlauf platzierte. Er war der einzige Bewohner, an dessen Haus (heute Brunhildestr. 41) sich der gesamte Einweihungszug vorbeibewegte.

Die Straßenengen vieler Ortsstraßen und der zunehmende Straßenverkehr waren nicht mehr miteinander in Einklang zu bringen. So häuften sich im Taunus Verkehrsunfälle, in denen spielende Kinder umkamen oder Pferde wegen der beängstigenden Motorgeräusche scheuten und durchgingen. Und die Gefahr wuchs. Besonders sonntags „rasten“ manche Personenwagen und Motorräder über jedes erlaubte Maß hinaus durch die engen Gassen der Orte. Ein typischer Vorfall ereignete sich am 27.7.1926 in Niederreifenberg, als ein Frankfurter Autofahrer auf der Durchfahrtsstraße auf ins Spiel vertiefte Kinder stieß, anhielt, empört die Kleinen ob ihres Verhaltens mit Ohrpfeifen bedachte, wieder einstieg und weiterfahren wollte. Dieses Verhalten aber wurde von den Einwohnern missbilligt und es kam zu massiven Auseinandersetzungen.

1927 wurde von Oberpostmeister Ronimi von Königstein aus die seit 1923 eingestellte Kraftpostlinie der Reichspost in den Hochtaunus wieder ins Leben gerufen. In dieser Zeit waren die Einwohner von Niederreifenberg auf Privatpostlinien angewiesen. Dies wurde von den beiden Reifenberger Orten zwar jubelnd zur Kenntnis genommen und im Kurhaus Weilquelle von den beiden Bürgermeistern kräftig begossen, die Linie mit festen Fahrtzeiten aber hatte seine Haltestelle lediglich am Roten Kreuz und fuhr die Orte gar nicht an. War es der Reichspost zu gefährlich, sich durch die engen Ortsstraßen zu schlängeln?

Weitere Verhältnisse

Zu dieser Zeit spürte man immer noch die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, denn man zählte zum Besatzungsgebiet der Franzosen, die ihren Hilfskreis von Königstein aus verwalteten. Doch die Zeichen standen auf Entspannung und englische Truppen hatten inzwischen die ungeliebten Franzosen abgelöst. Wegen dieser politischen Veränderungen wurde Niederreifenberg ab dem 1.4.1928 dann dem neu gebildeten Main-Taunus-Kreis zugeschlagen. Bürgermeister Jacob Ungeheuer verwaltete den 850 Einwohner zählenden Ort. Umfangreiche und kostspielige Bauprojekte in dieser Zeit bedurften mit Sicherheit der Genehmigung des von den Franzosen eingesetzten Landrats Jacobs.

Mit welchen Engstellen die Fahrer bei einer Durchfahrt rechnen mussten, lässt sich anhand von Daten belegen. Dabei ist zu bedenken, dass an beiden Seiten der Straßen Abwasserrinnen und in die Straße hineinragende Eingangstreppen vorhanden waren. In der Tageszeitung wird die Breite der Hauptstraße stellenweise mit 3m und der Abstand der Häuser über die Straße mit 2,55m angegeben, die Schulchronik hingegen spricht von drei Stellen, an denen die Straßenbreite 2,50m bis 2,63m nur betragen haben soll. So nimmt es nicht Wunder, dass die Gemeinde 1927 eine „Umgehungsstraße“ plante, um den Problemen Herr zu werden.
Bauprojekt

Nach der Planung der Gemeinde, die offiziell als Bauherr fungierte, sollte das neue Wunderwerk 85.000 RM kosten und 9 Meter breit werden. Gigantisch!

Insolvenzen, die im Zuge von Baumaßnahme auftreten, dass die Baukosten am Ende höher ausfallen als geplant und Bestechungsvorwürfe die Runde machen, klingt heute allzu vertraut für unsere Ohren, war aber auch in den 1920er Jahren schon Gesprächsstoff und bittere Wirklichkeit. Schließlich handelte es sich ja um ein Großprojekt einer Gemeinde, an deren Aufträge die Beteiligten alle Geld verdienten.

Vorbereitung

Schon die Vorbereitungsarbeiten hatten ihre Tücken. Die Grundstücke, die von der Streckenführung berührt wurden, standen im Eigentum verschiedener Personen und dienten den Landwirtschaft treibenden Einwohnern der Deckung ihres notwendigen Lebensbedarfs. Da durfte der Ausgleich für die Herausgabe eines Grundstücksteils an die Gemeinde nicht zu kleinlich ausfallen, trotz der mit einer Umgehungsstraße verbundenen Vorteile. Andererseits war auch die Trassenführung von großer Bedeutung, denn es entstanden gleichzeitig Baugrundstücke in bester Lage. Die Aufwendungen für den Grunderwerb und die Vermessung belasteten den Gemeindehaushalt mit 8.500 RM. Außerdem stand ausgerechnet noch ein Stall im Weg, der vermutlich die Gemüter erhitzte. Aber der ganz beharrliche Eigentümer blieb standhaft und ließ sich sogar seinen Stall an eine andere Stelle versetzen, was die Gemeinde weitere 5.900 RM kostete. Bei diesem Kostenvergleich und der großen Anzahl der Grundstückskäufe verstärkt sich die Vermutung, dass der Stallbesitzer sich in einer extrem guten Verhandlungsposition befunden haben muss.

Ein weiteres Hindernis war mit dem Durchfluss der Weil zu beseitigen, die zweimal die neue Trasse kreuzte. Die Durchführung der stellenweisen Verrohrung an sich war sicher problemlos, jedoch änderte sich dadurch das Verhalten des durchfließenden Wassers, sodass noch zwei Jahre nach Fertigstellung der Straße die Firma Hammer als Anlieger darüber klagte, dass sich neuerdings ein See auf ihrem Anwesen bilden würde.

Ausführung

Den Auftrag zum Bau der Straße erteilte 1927 der Bürgermeister der Firma Simon und Reite aus Frankfurt-Sindlingen. Schon nach kurzer Zeit wurden die Arbeiten wieder eingestellt, denn die Baufirma meldete Konkurs an. Die heutige Insolvenz oder Zahlungsunfähigkeit bezeichnete man damals im Volksmund als Bankrott oder Pleite. Der Auftraggeber jedenfalls war gezwungen, sich eine neue Baufirma zu suchen und fand sie schließlich in der Firma Steinhäuser und Ohly aus Grävenwiesbach.

Es handelte sich keineswegs um einen asphaltierten Straßenbelag, über den sich die Fahrzeuge nun fortbewegen sollten. Nein, soweit war der technische Entwicklung noch nicht gediehen. Die Fahrbahn bestand aus Kleinschlagsteinen und Kies. Die aus einem Steinbruch geförderten Steine wurden in mühevoller Handarbeit zerkleinert, mit Kies vermengt und verdichtet. Als Steinbruch diente möglicherweise der Steinbruch, der sich heute zum Sportplatz gewandelt hat oder von der anderen Seite am Einstieg der Pappelallee. Inwieweit Arbeiter aus dem Freiwilligen Arbeitsdienst hier mithalfen oder ob gerade arbeitslose Einheimische oder Tagelöhner sich an den Arbeiten beteiligten, ist leider nicht bekannt. Klar ist aber, dass dies echte“ Knochenarbeit“ war, die Bruchstücke aus dem Felsen zu lösen und mit dem Hammer zu zertrümmern.

Aus den Laien des hiesigen Arbeitsmarktes allein ließen sich aber die Bauarbeiten nicht fachgerecht ausführen. Ohne Fachleute ging es nicht und so mussten Fremdarbeiter mithelfen, denen aufgrund größerer Entfernung und fehlender Fahrtmöglichkeiten keine Wahl blieb, ihr Leben solange an den Arbeitsort zu verlegen, wie die Baumaßnahmen andauerten. Zur angemesseneren Übernachtung lieferte 1927 das Kaufhaus I. H. Ungeheuer für 510 RM Strohballen, Decken und Kissen. Übernachtungsstätte war kein Hotel sondern eher ein Stall oder eine Scheune bei einem Bürger Niederreifenbergs. Als die Fremdarbeiter ihre Arbeit erledigt hatten, wurden die noch verwendbaren Übernachtungsutensilien von Herrn Ungeheuer für 250 RM nach Königstein gebracht und für dortige Bedürfnisse eingesetzt. So profitierten Bürger und Unternehmer des Ortes auch von dem Straßenbau.

Das zuständige Arbeitsamt wird sich sicher über die Arbeitsbeschaffung in der Region gefreut haben. Die erste Asphaltdecke übrigens wird frühestens Mitte der 1930er Jahre zu sanfterem Fahren eingeladen haben, denn die Siegfriedstraße in Oberreifenberg z.B. erhielt erst 1937 ihren ersten Teerbelag.

Baukosten

Die Gesamtkosten des Straßenbaus beliefen sich am Ende auf 88.379 RM, was gegenüber der Planung von 85.000 RM keine absolute Kostenexplosion bedeutete. Trotzdem war die finanzielle Kalkulation der Gemeinde so eng gestrickt, dass selbst diese Mehrkosten nicht gedeckt werden konnten. Um ihre Gläubiger zu bezahlen, musste Bürgermeister Ungeheuer die Oberbehörden um einen Zuschuss bitten.

In die Kalkulation war aber kein Posten für die Abflussrinnen seitlich der Straßen eingeflossen, denn man gab von Seiten der Gemeinde vor, dass jeder neue Hausbauer an der Brunhildestraße sich seine eigene Halbrinne vor das Haus setzen solle. Die Probleme aus dieser Vorgabe zeigten sich mit zunehmender Bautätigkeit daran, dass die neuen Bauherren diese Rinne ohne Abstimmung mit ihren Nachbarn errichteten. So entstand ein Wirrwarr von unterschiedlichen Rinnen nach Lage, Länge und Größe, was immer mehr zur Unfallgefahr heranwuchs. Schließlich blieb der Gemeinde Niederreifenberg nichts anderes übrig, als beim Bezirksverband in Wiesbaden einen kompletten Rinnenausbau für die Brunhildestraße zu beantragen, selbst vorzunehmen und die Kosten letzten Endes doch zu tragen.

Bestechungsvorwürfe

Die Baumaßnahme lastete auf den Schultern des Bürgermeisters Jakob Ungeheuer. Er, der seit 1924 dieses Amt innehatte, gelangte im Laufe der Baumaßnahme unter den Verdacht, Schmiergelder entgegengenommen zu haben. Der Volksmund sprach von einer „Schieberei“. Mit diesem Makel behaftet, dem geschwundenen internen Vertrauensverhältnis und den damit einhergehenden Sorgen des Baufortschritts, nimmt es Wunder, dass das Projekt doch so zügig sein Ende nahm. Um den Schein aber nach außen zu wahren, blieb die Anklageschrift noch in der Schublade liegen. Die Konsequenz innerhalb der Gemeinde war, dass er „sein Werk“ nicht selbst einweihen durfte, denn diese Aufgabe wurde auf seinen Vertreter Anton Herr übertragen. Erst 1929 wurde der Vorwurf gerichtlich überprüft und es dauerte fast 10 Jahre, bis das Dienststrafverfahren gegen ihn mit einem Freispruch endete. Die lange Dauer der Prozessführung nagte an seiner Gesundheit so sehr, dass er 1938 vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen aus seinem Amt ausschied.

Einweihung

Nach knapp einjähriger Baumaßnahme fand am 27.10.1928 die lang ersehnte Einweihung statt. Der Regierungspräsident, der Landrat des Main-Taunus-Kreises, die Stadt Frankfurt, die inzwischen von Königstein nach Höchst verlegte Bezirksverwaltung und die Reichspost hatten Vertreter zu diesem freudigen Ereignis gesandt, denn diese kleine neue Straße brachte einen enormen Fortschritt für den gesamten Hochtaunusverkehr. Der Fabrikant und stellvertretende Bürgermeister Anton Herr begrüßte die Gäste am unteren Ende der neuen Brunhildestraße, deren Namensgebung sicher von der am 19. August eröffneten Siegfriedstraße und dem Quarzitfelsen auf dem Großen Feldberg beeinflusst worden war. Dem Gesangsvortrag der Vereine Brunhilde (wie trefflich!) und Taunusfreude folgte ein Umzug aller Vereine (u.a. zweier Turnvereine) mit Fahnen und Bürger mit dem Endziel Kurhaus Weilquelle, wo ein Kommers stattfand.

Die ganze Strecke war mit großen Fahnen der Firma Opel ausgeflaggt. Sponsoring der Autoindustrie gab es damals zwar noch nicht, aber Werbestrategen waren auch 1928 schon findige Burschen, um effektvoll auf sich aufmerksam zu machen. Im Rüsselsheimer Werk lief seit 4 Jahren der legendäre Laubfrosch vom Band, der mit seinem grünen Anstrich das meist verkaufte Modell in Deutschland war.

Die Einweihung der Brundhildestraße ausgiebig zu feiern, nutzten die Bewohner weidlichst aus. Freibier für alle, war die Devise! Davon profitierten besonders die Gastwirte Ochs, Sturm, Sauer und Ungeheuer, die der Gemeinde nach dem Ende der Feierlichkeiten 1000 RM in Rechnung stellten. Die dem Zug voranschreitende örtliche Musikkapelle wurde ebenso bedacht wie die Schulkinder, die zum Freudentag Brezeln spendiert erhielten. Bei einem solchen Großereignis für Niederreifenberg dachte man sogar an die Dokumentation und verpflichtete den Hoffotographen Schilling aus Königstein, dem wir die qualitativ hochwertigen Bilder verdanken, womit wir uns heute die damaligen Ereignisse besser vergegenwärtigen können.

Erwähnenswerte Vorfälle

Wie hilfreich die neue Straße war, erwies sich bereits zwei Tage später. Ein Niederreifenberger hielt mit seinem Einspänner am Roten Kreuz, wo jemand unbemerkt das angebundene und am Wagen eingespannte Pferd losband und dieses in Richtung Niederreifenberg trieb. Das Pferd mit dem Fuhrwerk schoss in der Dunkelheit in rasendem Galopp die steile Straße hinab, lief auf die gerade neu eingeweihte Brunhildestraße und machte zitternd und schweißgebadet angeblich Halt vor dem eigenen Stall. Durch den großzügigen Auslauf auf der neuen Straße konnte ein größeres Unglück vermieden werden und das herrenlose Gespann absolvierte damit die erste unfreiwillige Einweihungsfahrt.

Ein weiteres spektakuläres Ereignis wird vom 20.8.1959 vermeldet, als eine Fahrzeugkolonne Richtung Schmitten die Brunhildestraße hinunterfuhr und die Funken bis über den Bürgersteig sprühten. König Saud von Saudi-Arabien durchquerte gerade Niederreifenberg. An dem achtsitzigen Wagen der Leibwache aber hatte sich ein linkes Hinterrad gelöst, doch dem Fahrer gelang es, bald den Wagen zu stoppen, ohne dass jemand zu Schaden kam. König Saud hatte Königstein besucht, während er sich aus medizinischen Gründen in Bad Nauheim aufhielt. So geräuschvoll und spektakulär hatte zuvor noch niemand seine Durchfahrt angekündigt. Eben eines Scheiches würdig!

Da die Brunhildestraße somit die Schicksale ihrer Nutzer stets günstig beeinflusst hat, kann es gern „wie früher“ weitergehen.


Autoren: Karl Breitung, Susanne Eckermann. Eine gekürzte Fassung "Der Bau der Brunhildestraße" auf Seite 22/23 in den Schmittener Nachrichten 2/2021 erschienen.

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